Sex als "Biomacht" im Spiegel der Religionswissenschaft

Universität Luzern, SoSe 2007

Themenbeschreibung

 

Wie verschränken sich Formung sexueller und religiöser Identitäten unter den Machtbedingungen des modernen westlichen Nationalstaates? Und wie reflektiert die Religionswissenschaft die Produktionsprozesse des bürgerlichen Körpers, mit seinen sexuellen Normierungen und Devianzen?

 

Das Hauptseminar wird diese Fragen anhand von zwei Leitkonzepten untersuchen: dem Begriff der Bio-Macht bei Michel Foucault, der sexuelle Normierung als eines der Mittel der Heranbildung des nationalstaatlichen Subjektes beleuchtet; und Giorgio Agambens Idee der Biopolitik in der Spannung zwischen dem blossen Leben und dem staatsbürgerlich geformten politischen Lebewesen. Sex, in diesem Sinne, ist nicht eine biologische Gegebenheit, sondern ein diskursives Instrument politischer Machtausübung und zugleich ein praktisches Feld bürgerlicher Selbstwerdung.

 

Den zwei Leitfrage werden wir in drei Themenkreisen nachgehen: (1) Sex als Biomacht und Geschlechtlichkeit als analytischer Focus in der Religionswissenschaft. Hier werden wir fragen, welcher Zusammenhang besteht zwischen der Formung sexueller, religiöser, and staatsbürgerlicher Normalität. Wie wird in Situationen sich neu formierender Staatlichkeit und in Migrationskontexten idealisierte Weiblichkeit zum Trþger authentischer nationaler, religiöser, und kultureller Identität? Wie verweben sich in der repetitiven Beschwšrung devianter Sexpraktiken im politischen Diskurs Vorstellungen davon, was ein guter Christ, ein guter Mann, und ein guter Amerikaner ist?  (2) Sex als Biomacht und die Geschlechtergeschichte der Religionswissenschaft. Dieses Segment des HS untersucht, inwieweit die Religionswissenschaft selbst, in ihrer Themenstellung, Objektdefinition, und Methodologie, Ideale sexueller Normierungen reproduziert. In welchem Licht erscheinen die religiösen Praktiken und Erfahrungen von Frauen, wenn sich Religionswissenschaft auf Texte fokussiert? Wie reproduziert der Fokus auf Ursprünge in den Arbeiten der Väter der Religionswissenschaft (von Max Müller bis Dürkheim) Spannungen moderner (und männlich narzisstischer) bürgerlicher Subjektivität? (3) Sex als Biomacht und die Selbstformung religiöser Subjekte. In diesem Themenkreis werden wir Texte von Autorinnen lesen, die im Spannungsfeld traditioneller und moderner Normierungstendenzen alternative religöse und sexuelle Identitätspraxen entwerfen. Wie bewerten wir diese Versuche auf dem Hintergrund der Arbeiten von Foucault und Agamben (und vice-versa)? Wie durchkreuzen oder verstärken diese Arbeiten westliche und bürgerliche Identitätskonstruktionen?

 

Lernziele: Studierende werden lernen,

    * den Zusammenhang religiöser und sexueller Identitätspraktiken im Kontext politischer Theorie zu analysieren.

    * einen hermeneutischen Blick auf die Theoriegeschichte der Religionswissenschaft zu werfen.

    * sich mit neueren Arbeiten beschäftigen, die Fragen sexueller Normierung als Ausgangspunkt  für die Entwicklung gegenwärtiger religiöser Identität nehmen.

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